Kulturschock in Unternehmen – eine der großen Herausforderungen unserer Zeit

Kulturschock in Unternehmen – eine der großen Herausforderungen unserer Zeit
Kulturschock in Unternehmen als Problem unserer heutigen Zeit | © Pressmaster @ Shutterstock.com

Noch nie sind so viele verschiedene Kulturen miteinander in Kontakt getreten wie heute. So positiv diese globale Vernetzung einerseits ist, so konfliktträchtig ist sie andererseits auch. Denn jede Kultur hat ihre Eigenheiten.

Unter „Kultur“ sind hier nicht Baudenkmäler oder literarische Werke zu verstehen – sie wird hier begriffen als die gelebte Grundlage des Miteinanders. Dazu gehören z.B. soziale Werte, Denkmuster und Alltagsgewohnheiten eines Landes. Diese „Kultur“ – im Sinne eines Systems impliziten Wissens über Handlungen – kann nicht einfach in Reiseführern oder Wörterbüchern gelernt werden.

Die Ursache eines Kulturschocks – und was wir von ihm lernen können

Wer als Ausländer in einem fremden Land lebt und mit Bewohnern des Gastlandes zusammenarbeitet, für den ist zunächst die eigene Kultur die Grundlage der Orientierung. Für Frustrationen und Missverständnisse, die entstehen, werden dann „die Einheimischen“ verantwortlich gemacht. Tatsächlich ist es in der Regel die Unkenntnis bestehender Kulturunterschiede, die diesen „Kulturschock“ verursacht. Aus diesem „Schock“ können Vorurteile über die Bewohner des Gastlandes entstehen. Er bietet aber auch einen möglichen Anreiz, Neues zu lernen, das Bewusstsein zu erweitern und bislang unbekannte Handlungsmöglichkeiten zu gewinnen.

Kulturschock: Normale Reaktion oder sonderbar?

Durch viele Interviews mit westlichen Geschäftsleuten, die in einem fremden Land (Polen) arbeiten, habe ich aus meiner Forschung – sie fand in Warschau von 2002 bis 2007 statt – die Erkenntnis gewonnen, dass der „Kulturschock“ eine ganz normale Reaktion ist.

Kulturschock - Handlungsprobleme westlicher Unternehmen in Mittel- und Osteuropa | Prof. Dr. Dieter Flader

Dieser „Kulturschock“ ist nicht als etwas aufzufassen, das man möglichst schnell loswerden muss, weil es ein Handykap effektiver Arbeit sei. Stattdessen ist dieser „Schock“ ein wichtiger Schritt im interkulturellen Lernen.

dieterflader.de

Sie gehört in die erste Phase des interkulturellen Lernens. Was zunächst als „fremd“ erlebt wurde, wird erst im Verlauf dieses Lernens als „anders, als bei uns“ wahrgenommen.

Während meiner Studie habe ich in Warschau ca. 100 Interviews mit Managern aus verschiedenen westlichen Ländern durchgeführt und dabei gelernt, zwei völlig verschiedene Gruppen von Informanten zu unterscheiden: Die eine besteht aus Managern, die gerne in Polen sind, die Entwicklung dieses Landes beobachten, eine polnische Frau oder Freundin haben und nicht nur wegen des Geldes im Lande sind; zur anderen Gruppe gehören die Informanten, die sich im Interview so verhalten, als wäre ich einer von ihnen: ein Ausländer.

Als Folge davon haben sie im Interview wiederholt, was sie sonst abends, wenn sie Gleichgesinnte treffen, gewohnt sind: den Diskurs der Klagen über „die Ausländer“ zu führen.

Fehlerhaftes Verhalten als Konsequenz von Nicht-Wissen

Diese vielfältigen Klagen „über die Polen“ wurden in der Datenauswertung gesammelt. Mit der dabei entwickelten Methode der „teilnehmenden Handlungsanalyse“ wurden diese Klagen insofern als Dokumente eines „Kulturschocks“ untersucht, als sie Auskunft darüber geben, was genau diese Manager aus dem Westen nicht über „die Polen“ wissen. Dieses Nicht-Wissen kann erklären, warum es am Arbeitsplatz im Kontakt mit polnischen Mitarbeitern für sie immer wieder zu den Missverständnissen oder gar Interaktionskrisen kommt, von denen sie im Interview berichten.

Das Forschungsergebnis

Eine der Erkenntnisse dieser Forschung ist, dass es gar nicht so sehr Unterschiede in der Nationalkultur sind, die hier eine Rolle spielen; vielmehr sind hier ganz andere Unterschiede von Bedeutung: die bestehenden Unterschiede hinsichtlich einer „modernen“ Gesellschaft (Polen als ein sog. Übergangsland) und bestehende Unterschiede hinsichtlich der ökonomischen Kultur (die immer noch in Polen, unter bestimmten Bedingungen, gegenwärtigen Denk- und Handlungsgewohnheiten des bürokratischen Sozialismus herrschen).

Es ist daher wichtig, verschiedene kulturelle Systeme in einem Land zu unterscheiden und die Dimension der Geschichte zu berücksichtigen. Um den verschiedenen Arten des handlungsbezogenen „Kulturschocks“ westlicher Führungskräfte in Polen gerecht zu werden, wurden verschiedene Strukturelemente des Handelns unterschieden – wie z.B. Motive, Situationskonzepte, innere Bilder, moralische Standards.

Kulturschock – nicht die Einheimischen sind für ihn verantwortlich, vielmehr die Unkenntnis bestehender Kulturunterschiede.

Da diese Elemente praktischen Wissens direkt oder indirekt soziales Handeln leiten, kann ihre Untersuchung rekonstruieren, wie interkulturelle Missverständnisse oder gar Interaktionskrisen jeweils entstanden sind. Diese Entstehungsbedingungen werden wohl erst in den nächsten 2 oder 3 Generationen in Polen überwunden sein werden – es sei denn, dass die betroffenen westlichen Manager in Weiterbildungsseminaren über diese Art der Blockierung ihres interkulturellen Lernens aufgeklärt werden.

“Verantwortlich für einen #Kulturschock ist die Unkenntnis bestehender Kulturunterschiede.“

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Diese Forschungsergebnisse sind von allgemeiner Bedeutung, weil sie Chancen und Risiken jeglichen Kulturkontakts analysieren und Lösungsmöglichkeiten zeigen.

Für weitere Informationen und Ausführungen möchte ich Ihnen mein Buch „Kulturschock: Interkulturelle Handlungskonflikte westlicher Unternehmen in Mittelost- und Südosteuropa“ weiterempfehlen.