Vegetarier und Veganer – ihre mögliche Schattenseite & Vorschläge für ein politisches Konzept
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Vegetarier und Veganer – ihre mögliche Schattenseite & Vorschläge für ein politisches Konzept

Wie Vegetarier und Veganer politisch wirksam werden können und welche psychischen Vorgänge dem möglicherweise im Wege stehen(1)

Ich bin Experte für Kommunikationsanalyse und Professor für Linguistik. Ich befasse mich seit Langem mit der Frage, wie seelische Vorgänge, die weitgehend der Reflexion entzogen sind, sich auf das alltägliche Handeln und auf die Sprache auswirken können. Dies ist auch eine der Fragen, die ich in meinem neuen Buch behandle. Es erscheint dieses Jahr mit dem Titel: „Vom Mobbing bis zur Klimadebatte – wie das Unbewusste soziales Handeln bestimmt. Eine psychoanalytische Kulturkritik“. Und dies ist auch die Frage, die mich zur nachfolgenden Untersuchung angeregt hat.

1. Einleitung

Veganer und Vegetarier haben meine Sympathie. In dem Verzicht auf den Verzehr von Fleisch (und Fisch) drückt sich eine Empathie mit der Natur aus, die ich teile. Nutztiere, die an einem Hof gehalten wurden, waren auch in unserer Kultur einmal ein Teil der Natur. Nicht selten gehörten sie – wenn sie einen Namen hatten und im Alter eine besondere Schonung genossen – mit zur Familie.

Die industrialisierte Massen-Tierhaltung macht die Nutztiere heute zu bloßen Fleisch-Lieferanten. Die Tiere werden denaturiert. Da der Mensch auch selbst ein Teil der Natur ist, betrifft diese Entwicklung uns alle. Wir alle verlieren mit der modernen Ernährungsindustrie Wesentliches von uns selbst: den Respekt vor dem Lebendigen. Dies steht in einer Reihe mit anderen Vorgängen, die unsere natürlichen Grundlagen der Existenz bedrohen: dem fortschreitenden Verlust von Arten, dem Klimawandel u.a.m.

Wenn Veganer und Vegetarier dieser schlimmen Entwicklung auf politischem Wege Einhalt gebieten wollen, stellt sich eine wichtige Frage: Was sollten sie, um politisch erfolgreich sein zu können, über den Zusammenhang verstehen, der zwischen psychischen (zumeist unbewussten) Vorgängen und der politischen Wirksamkeit besteht? Diesen Zusammenhang werde ich hier in einzelnen Aspekten darstellen – in der Hoffnung, so die notwendigen politischen Aktionen gegen die Massen-Tierhaltung und – Tötung zu unterstützen.

Ich werde mich einerseits – in Teil I – auf einige der psychischen Aspekte konzentrieren, die mit der Entscheidung von Veganern und Vegetariern möglicherweise zu tun haben, fortan kein Fleisch mehr zu konsumieren. Über diese Aspekte sollte man deshalb Bescheid wissen, weil sie einen politischen Eingriff in die soziale Wirklichkeit erschweren können, obwohl ein solcher Eingriff durchaus wünschenswert ist. Pointiert gesagt, gehören diese psychischen Aspekte möglicherweise zu den unerkannten Problemen mancher Veganer und Vegetarier.

Dabei unterscheide ich das, was subjektiv (psychisch) möglich ist, von dem, was im Einzelfall, d.h. individuell, gegeben ist. Subjektiv möglich sind: Ängste, Wünsche, Illusionen, Schuldgefühle, Arten des Verlangens, etc. – sie sind immer auf etwas Bestimmtes bezogen. Ob diese subjektiven Vorgänge und Situationen im Einzelfall auch jeweils vorliegen, ist eine andere Frage. Den Zugang zum Psychischen ermöglichen: Eigene Analyse-Erfahrungen, die Kenntnis der relevanten Methoden und Theorie-Zusammenhänge; den Zugang zum Individuellen gewinnen wir durch: Einzeltherapie, Interviews, Coaching, Gruppendiskussionen u.ä..

Ich beschränke mich auf das, was ich im Bezug auf Vegetarier und Veganer für subjektiv möglich halte. Wie genau jeweilige psychische Aspekte unter Veganern und Vegetariern verbreitet sind, bleibt hier also offen.

Andererseits interessiert mich das neue Politik-Verständnis, das sich hier ausdrückt (Teil II). Vor allem die junge Generation bringt ja ein neues Politik-Verständnis ins Spiel: das eines Konsumenten, der bewusst und durch eine bestimmte Entscheidung einer „besseren Welt“ zum Durchbruch verhelfen will. Diese Konsumenten meiden z.B. bestimmte Textilien bestimmter Ketten, die ihre Kleider in sogenannten Billig-Ländern herstellen lässt. Mit dieser Konsumentscheidung wird gegen die miserablen Arbeitsbedingungen in den dortigen Textilfabriken protestiert. Und es soll deutlich gemacht werden, dass man diese Textilkette nicht länger unterstützen will. Eine solche Konsumentscheidung haben auch Veganer und Vegetarier getroffen. Aber welche politischen Schritte können sie außerdem unternehmen, und was kann denen psychisch entgegenstehen?

Nach meiner Auffassung müssen wir also beide Seiten berücksichtigen, die psychischen Aspekte wie auch die politischen Aspekte der Konsumentscheidung der Vegetarier und der Veganer und deren wünschenswerte politische Konsequenzen. Denn ohne Berücksichtigung der psychischen Aspekte läuft eine politische Konzeption Gefahr, Ziele und Wege zu verfolgen, die möglicherweise gar nicht realistisch und wirksam sind. Aber eine bloße Konzentration auf die psychischen Aspekte läuft Gefahr, politisch wirkungslos zu sein.

Teil I Mögliche psychische Aspekte

Die moderne Erzeugung von Fleisch durch eine industrialisierte Massentierhaltung und – tötung wird als eine Form von Gewalttätigkeit wahrgenommen. Dieser Sichtweise stimmen sicher viele Veganer und Vegetarier zu. Melanie Joy schreibt hierzu, dass „die extensive Gewalttätigkeit, um die heute der Fleisch-Konsum („Carnismus“) organisiert ist, (…) derart groß ist, dass die meisten Menschen nicht willens sind, sie zu sehen. Wenn sie es dennoch täten, so würden sie ernsthaft verstört darauf reagieren.“ (Joy 2010, S. 33).

Schauen wir uns diesen Punkt etwas genauer an, dass „die meisten Menschen nicht willens sind, dies zu sehen“. Was hat es damit auf sich? Ein kurzer kulturhistorischer Abriss kann hier hilfreich sein.

Wie sich ein Kulturfortschritt zum verdeckten gesellschaftlichen Widerspruch umwandeln kann

Am Anfang dieser Entwicklung stand die Erfindung der Küche (des Adels). Das geschah im Mittelalter. Die Küche war nun der Ort, an dem Tiere (oftmals) getötet, ausgenommen und Fleischstücke zurechtgemacht wurden. Der Ort des Verzehrs im Essraum war jetzt räumlich getrennt davon und nicht mehr gestört durch den Anblick der blutigen Zubereitung.

Dass hier tatsächlich, dem Kultursoziologen und Historiker Norbert Elias zufolge, ein Entwicklungsschritt unserer Zivilisation getan wurde, lässt sich am sozialen Verhalten der Beteiligten ablesen. Denn fortan galt, nach der Erfindung der Küche, es als „unfein“ und „unzivilisiert“, den blutigen Vorgang des Ausweidens und des Zubereitens von Fleisch einerseits und ihrem Verzehr andererseits an dem selben Ort zu praktizieren.

Aber die Kultur-Geschichte der Küche ging noch weiter, jetzt im aufsteigenden Bürgertum Denn nun wurde, im 18. und 19. Jahrhundert, – nach meiner Interpretation – auch das Zubereiten von Essen in der Küche selbst noch einmal „zivilisiert“. Dies geschah (und geschieht) in der sogenannten „feinen Küche“, die nichts mehr zu tun hat mit den blutigen Vorgängen, die in der Küche der Mittelalters stattgefunden haben. Der aggressive Akt des Schlachtens etc. wurde nun noch weiter entfernt vom Ort des Konsums. Geschlachtet wurde jetzt z.B. im Schlachthof.

Diese Tradition, das Schlachten und Zubereiten von Fleisch räumlich vom Fleisch-Essen zu trennen, hat heute einen geradezu perversen Höhepunkt erreicht: Nicht mehr das Blut ist es, vor dem man sich als „zivilisierter“ Mensch jetzt ekeln würde, sondern eine maschinelle, blitzartige Tötung einer möglichst großen Menge von Tieren, die unter zum Teil grauenhaften Bedingungen existieren müssen, bevor sie getötet werden.

Was von N. Elias als ein Kulturfortschritt analysiert wurde – die Erfindung der Küche –, hat sich mit der Zeit durch die Massentierhaltung in einen gesellschaftlichen Widerspruch umgewandelt. Ich meine den Widerspruch, dass eine „zivilisierte“ Gesellschaft in einer barbarischen und gewalttätigen Weise ihren tierischen Nahrungsbedarf deckt.

Es ist kein Zufall, dass sich die großen Tier-Fabriken heute weit außerhalb der Städte befinden und so dem dem Blick der Konsumenten entzogen sind. Genau dies wollen die Fleisch-Konsumenten: Ungestört essen. Und dies wollen sie schon seit Langem. Die Fleisch-Lobby und Großunternehmer der industrialisierten Fleisch-Produktion wissen, dass die Fleisch-Konsumenten beim Essen nicht durch die Wahrnehmung einer Fleischproduktion gestört werden wollen, die für sie „abstoßend“ und „ekelhaft“ ist. Und dass die Fleischesser auch dann, wenn sie nicht essen, nicht daran erinnert werden wollen.

Die moderne Küche, ebenso wie die Fleisch-Industrie ersparen es den Fleischessern, ein schlechtes Gewissen (sprich: Schuldgefühle) zu haben oder sich zu schämen, dass sie diese Barbarei unterstützen. Denn sie sehen ja nicht den Weg, den das fabrik-ähnlich hergestellte Fleisch genommen hat, bis es, fein abgepackt, im Laden zum Verkauf angeboten wird und auf ihrem Teller landet. Dieser Weg bleibt dem Blick der Konsumenten verborgen.

Genauer gesagt: Diese versuchen, den genannten gesellschaftlichen Widerspruch dadurch zu lösen, dass sie weg schauen. Sie wollen nicht wissen, welchen barbarischen Weg ein Stück Fleisch dieser Herkunft hinter sich hat.- Eine nur scheinbare Lösung, denn so bleibt ihnen nur die Entstehung von Schuld- oder Schamgefühlen erspart, die sonst wahrscheinlich auftreten würden. Den Tieren wird jedoch damit nicht geholfen. Dieses weit verbreitete Weg-Sehen ist zu einer Haltung geworden, die Teil der „Normalität“ ist. Das trägt wesentlich dazu bei, dass der genannte gesellschaftliche Widerspruch verdeckt bleibt.

Als „normal“ erscheint dieses Weg-Sehen auch deshalb, weil die Fleisch-Industrie es ihrerseits unterstützt: Die meisten ihrer großen Anlagen der Massen-Tierhaltung und -Tötung entzieht sie nämlich dem Blick der Öffentlichkeit. Einem Fernseh-Team, das diesen Zugang suchte, erhielt eine Dreherlaubnis nur für einen Vorzeige-Betrieb – so die Information in der Fernseh-Dokumentation „Unser täglich Tier“ (2014), auf die ich noch zu sprechen komme.

Ganz anders die Veganer und Vegetarier. Auch sie reagieren, nach meiner Interpretation, auf den genannten gesellschaftlichen Widerspruch. Und auch sie wollen keine Schuld-oder Schamgefühle beim Essen. Aber statt weg zu sehen, sehen sie hin und sagen sich „Nein!“ Damit wollen sie nichts zu tun haben. Anstatt wegzusehen, ergreifen sie Partei, und zwar für die in Massentierhaltung gequälten, automatisiert abgeschlachteten Tiere. Sie finden den genannten gesellschaftlichen Widerspruch persönlich unerträglich. Die industrialisierte „Erzeugung“ von Fleisch wird als eine Form der Gewalttätigkeit wahrgenommen, an der sie sich fortan nicht mehr beteiligen möchten. Auch sie wollen sich die sonst entstehenden Schuld- und Schamgefühle ersparen, aber eben dadurch, dass sie ihre Ernährung umstellen. Und nicht Wenige wollen diese hoch-aggressiven Aktionen der Barbarei abschaffen.

Dies bringt mich zur möglichen subjektiven Problematik. In einem gewissen Sinn ist ihre Entscheidung, fortan kein Fleisch mehr zu essen, radikaler als die beschriebene Haltung der Fleischesser. Denn sie widerspricht ja dem, was als „normal“ angesehen wird. Und sie scheint einen Weg zu eröffnen, auf dem der genannte gesellschaftliche Widerspruch tatsächlich einmal gelöst werden könnte.

Allerdings können mit radikalen Lösungen immer auch psychische Aspekte verbunden sein, die ihre Umsetzung in politisch erfolgreiches Handeln erschweren, wenn nicht gar verhindern könnten. Darauf will ich jetzt näher eingehen.

„Ich will ein Leben ohne Gewalt“

So die Begründung einer Veganerin für ihre Entscheidung, fortan keine tierischen Produkte mehr zu sich zu nehmen. Diese oder eine ähnliche Begründung ist häufiger zu hören. Eine solche Entscheidung kann man ganz unterschiedlich verstehen.

Man kann diese Entscheidung so deuten, dass sie sich auf eines der christlichen Gebote bezieht – nämlich auf das Gebot: „Du sollst nicht töten.“ Zwar ist vielen Menschen klar, dass diese christlichen Gebote im Leben gar nicht durchweg erfüllbar sind, dass man also notwendigerweise „sündigen“ muss. Dennoch haben diese Gebote einen kulturellen Sinn, insofern man danach streben kann, diese Gebote einzuhalten.

Es ist aber auch möglich, dass einige Veganer und Vegetarier die eigene Entscheidung: „Fortan ein Leben ohne Gewalt“, so auffassen, dass der Verzicht auf jegliches Fleisch-Essen gleichgesetzt wird mit dem Verzicht auf jegliche Gewalt. In Extremform meint die Gewaltfreiheit auch das Fehlen jeglicher Aggressivität. Dann würden die betreffenden Veganer und Vegetarier glauben, sie können ein Leben ganz ohne Gewalt führen.

Das wäre allerdings eine Illusion. Denn mit dieser Auffassung würde man, so meine Interpretation, einem Ich-Ideal folgen, das völlig frei ist von Aggressivität ist. „Ich-Ideal“ in dem Sinne: „So, wie ich gern sein möchte.“ Die berühmte Feststellung „Der Mensch ist des Menschen Wolf.“ sowie zahlreiche Beispiele aus unserer Kulturgeschichte machen dieses Ich-Ideal recht unrealistisch. Die Aggressivität ist ein so fester Bestandteil menschlicher Verhaltensmöglichkeiten, dass es einen enormen psychischen Aufwand kostet, dies nicht zu sehen.

Aus der Tatsache, dass jemand sich entschließt, fortan kein Tierfleisch mehr zu essen, ist daher nicht notwendigerweise der Schluss zu ziehen, der Betreffende wäre nicht mehr aggressiv. Es ist eher unwahrscheinlich, dass seine Aggressivität keine Wege mehr findet, um ganz unabhängig vom Essen ein geeignetes Objekt „zu finden“. Man kann aggressiv seien zu Kindern, zu Kunden, zum Nachbar, gegenüber einem Arbeitskollege etc. Weil Menschen eben auch aggressiv sein können, müssen auch Vegetarier und Veganer mit der eigenen Aggressivität irgendwie fertig werden.

In diesem Extremfall wird also der Verzicht auf jeglichen Fleisch-Verzehr mit dem Verzicht auf jegliche Gewalt gleichgesetzt. Wenn „Gewalt“ gleichgesetzt wird mit „Böse-Sein“, dann soll das Selbst rein gehalten werden von allem „Bösen“. Dann wird aber die Tatsache geleugnet, dass der Tod Teil des Lebens ist. Was tatsächlich eine Frage der Lebenserhaltung des Menschen ist, wird umgedeutet zu einer Frage der „Moral“.

Das Gefühl moralischer Überlegenheit gegenüber den Fleischessern scheint vielen Veganern und Vegetariern nicht ganz unbekannt zu sein. Dieses Gefühl kann mit einem wissenschaftlich fundierten Durchblick verbunden sein, der die Nahrungsmittelindustrie – nicht nur in den USA – insgesamt betrifft. T. C. Campbell/Th. M. Campbell (2011, 2. Aufl.) haben den Zusammenhang von (falscher) Ernährung und Krankheit sehr eindringlich dokumentiert und zeigen überdies deutlich das alltägliche Zusammenspiel von Regierung, Wissenschaft und Industrie in den USA, das den krankmachenden Status Quo aufrechterhalten will – und zwar für eine Minderheit, und das in einer für diese sehr profitablen Weise.

Mit diesem Durchblick kann man fortan besser unterscheiden, was in der Lebensmittelindustrie Täuschung und was Realität ist, welche der als „schmackhaft“ angebotenen Nahrungsmittel tatsächlich eher gesundheitsschädlich sind und nur des Profits wegen verbreitet werden, usw. Hier kann ein Gefühl der Überlegenheit entstehen, das auch moralische Aspekte hat.

Das Gefühl, den Fleischkonsumenten moralisch überlegen zu sein, kann möglicherweise aber auch auf einer gewissen Egozentrik basieren. Veganer und Vegetarier fühlen sich dann deshalb als moralisch überlegen, weil sie sich zum Maßstab „richtigen“ Konsums nehmen. Sie denken dann vor allem an sich selbst, und sie denken weniger an die Gruppen von Menschen, die sich eine fleischlose Ernährung gar nicht leisten können und die stattdessen auf die billigere, der Fast Food-Industrie nahe stehende, industrialisierte Massenproduktion von Fleisch angewiesen sind. Wenn man vor allem an sich selbst denkt, dann verschwendet man auch nicht einen Gedanken darauf, wie z.B. den Schlachtern in der industrialisierten Massentierhaltung geholfen werden kann, deren Arbeitsbedingungen unerträglich und überdies, was die Chemikalien betrifft, gesundheitsschädlich sind.

Hier könnte man einwenden: Haben sie nicht recht, wenn sie sich, vor dem Hintergrund des genannten gesellschaftlichen Widerspruchs, zum Maßstab „richtiger“ Ernährung nehmen? Sind Veganer und Vegetarier nicht gleichsam die Speerspitze einer Bewegung, die diesen Widerspruch lösen kann? Nein, denn die Frage ist doch, wie man eine persönlich getroffene Entscheidung zu einer gesellschaftlich akzeptierten machen kann. Und das setzt politisches Handeln voraus.

Aber es gibt einen politischen Aspekt, warum Vegetarier und Veganer ernsthaft glauben können, zu der „Verbesserung der Welt“ beizutragen. Sie können sich durchaus vorstellen, dass wir eine „bessere Welt“ hätten – vorausgesetzt, alle Menschen würden ihrem Beispiel folgen. Das weist auf ein neues Politik-Verständnis hin.

Teil II – Vorschläge für ein politisches Konzept

Um zeigen zu können, wie diese psychische Problematik ein gezieltes politisches Eingreifen erschweren kann, will ich zunächst auf das neue Politik-Verständnis aufmerksam machen, das wir bei vielen Jugendlichen heute finden.

Konsum – Entscheidung als Politik

Ich meine damit das neue Politik-Verständnis der jungen Generation: Konsumenten, die sich bewusst für oder gegen ein bestimmtes Produkt entscheiden und damit einer „besseren Welt“ zum Durchbruch verhelfen wollen. Es werden z.B. bestimmte Textilien einer bestimmten Kette nicht länger gekauft, die ihre Kleider in sogenannten Billig-Ländern herstellen lässt. Mit dieser Konsumentscheidung wird gegen die miserablen Arbeitsbedingungen in den dortigen Textilfabriken protestiert. Und es soll deutlich gemacht werden, dass man diese Textilkette nicht länger unterstützen will.

Also Konsum-Entscheidung als Politik. Auch die Entscheidung, auf Fisch- und Fleischverzehr zu verzichten, um nicht länger die Massen-Tötung in Fabrik-ähnlichen Hallen eingepferchten Tiere zu unterstützen, wird so politisch.

Es ist verständlich, dass vor allem die Jüngeren auf persönliche Konsumentscheidungen zurückgreifen, um die soziale Wirklichkeit positiv zu verändern. Denn viele sehen heute nicht mehr recht, wie sie persönlich noch in das hochkomplexe System Politik eingreifen können. Es scheint das letzte verbleibende Mittel zu sein, das noch zu nutzen ist, um sich „politisch“ „einbringen“ zu können – durch ein neues, bewussteres Konsumieren. Wie realistisch ist dieses Programm, mittels Konsumentscheidungen politisch Einfluss zu nehmen?

Sehr viel Einfluss auf die Politik haben schon die Älteren nicht nehmen können – oder nicht nehmen wollen. Für die ältere Generation war die Politik im Wesentlichen eine Angelegenheit des „Theaters“. Politiker wurden so gesehen, dass sie auf einer Bühne agieren, auf der sie ihre Rollen spielen. Der „mündige Bürger“ saß im Zuschauerraum und applaudierte alle vier Jahre, indem er zur Wahl ging und die wählte, die für ihn als Darsteller auf der Bühne überzeugend waren. Die für ihn nicht überzeugend waren, „strafte er ab“, indem er sie nicht wählte bzw. nicht mehr zu den Wahlen ging.

Mit den modernen Massenmedien ist die personale Komponente von Politik, die sie für die ältere Generation schon immer hatte, noch verstärkt hervorgetreten – vor allem das persönliche Auftreten in der Öffentlichkeit. Zusätzlich aber bringt die junge Generation eben die Konsum-Komponente von Politik ins Spiel.

Aus der Politik als der „Kunst, dicke Bretter zu bohren“ (M. Weber), wird die Möglichkeit, als Konsumenten Einfluss zu nehmen auf die Produzenten. Und diese Möglichkeit ist durchaus gegeben. Denn die Politik der Konsum-Entscheidung kann sich auf den Markt-Mechanismus von Angebot und Nachfrage stützen. Nur weil die Nachfrage nach Fleisch (und Fisch) so gewaltig ist, kann das System der Fleisch- und Fisch-Versorgung noch fortbestehen. Man könnte es langfristig zum Wanken bringen, wenn immer mehr Menschen auf den Verzehr von Fisch und Fleisch aus den Tierhaltungs-Fabriken verzichten.

„Konsum – Entscheidung als Politik“ kann hier also – unter Umständen – durchaus erfolgreich sein. Aber sich selbst als Vorbild für andere zu sehen, die einem dann folgen sollen – das scheint doch ein etwas fragwürdiger Weg zu sein, wie aus einer persönlichen, individuellen Entscheidung eine gesellschaftlich wirksame wird. Wir sollten vielmehr politisch noch einen Schritt weiter gehen. Ein Weg für Vegetarier und Veganer wäre, ihre individuelle Entscheidung langfristig dadurch zu einer gesellschaftlich notwendigen zu machen, dass sie diese per Gesetz absichern. Sie sollten also den Gesetzgeber einschalten und so in das hochkomplexe System von Politik ein greifen.

Aber wie kann das geschehen, ohne dabei in eine psychische Problemlage zu geraten, die die politische Wirkung gefährdet? Eine solche Gefährdung kam durch schwache Argumente und irrationale Statements geschehen. Man bringt sich damit leicht um die eigene öffentliche Wirkung.

Psychische Problemlage und politisches Handeln

Ich will jetzt an vier Beispielen zeigen, wie auch die mentale Voraussetzung politischen Handelns – z.B. dessen Situationskonzepte, die Selbst- und Fremdbilder, die Handlungspläne – durch die oben dargestellte (und vermutete) psychische Problemlage beeinträchtigt werden kann:

a) Man glaubt, durch sein Konsumverhalten irgendwie dazu beizutragen, dass die Fleisch- bzw. Nahrungsmittelindustrie Schaden erleidet. Tatsächlich ist diese Hoffnung illusionär. Das Grundproblem, von einer individuellen Konsumentscheidung zu einer gesellschaftlich wirksamen Haltung zu kommen, ist damit ja noch nicht gelöst.

b) Das Gefühl moralischer Überlegenheit kann es Veganern wie Vegetariern, die möglicherweise davon betroffen sind, schwer machen, die strukturelle Macht zu analysieren, die in der Nahrungsmittelindustrie insgesamt repräsentiert wird. Denn dort geht es allein um das Profit-Interesse in einer sehr harten Konkurrenz-Situation. Das genannte Gefühl ist dann reine Privatsache, weil ohne Bedeutung für diese Macht. Und als Privatsache ist es auch ohne Bedeutung für die Veränderung der Verhältnisse.

c) Freiwillig wird die Nahrungsmittelindustrie, speziell die Industrie, die für die Fleisch-Exporte verantwortlich ist, weder ihre Machtposition noch ihren Profit reduzieren. Dazu müsste man sie schon zwingen. Eben damit wird ein sich friedfertig verhaltener Vegetarier und Veganer möglicherweise seine Schwierigkeiten haben. Das simple Denkschema von Friedfertigkeit auf der einen und Gewalttätigkeit auf der anderen Seite entspricht auch nicht der politischen Realität. Denn ein Lobbyist der Fleisch-Industrie z.B. ist keineswegs notwendigerweise ein „gewalttätiger“ Mensch.

d) Wenn das Selbstbild so beschaffen ist, dass das Selbst freigehalten werden soll von allem Bösen, dann entsteht leicht ein Entweder-Oder-Denken. Ein solches Entweder-Oder kann es möglicherweise Veganern und Vegetariern, die so empfinden, schwierig machen, eine Politik der kleinen Schritte zu unternehmen. Dass genau diese Politik als einzige realistisch ist, soll abschließend gezeigt werden.

Die Politik der kleinen Schritte

N. Cooney (2011) hat psychologische Studien darüber zusammengestellt, wie Menschen überhaupt in ihrem alltäglichen Verhalten beeinflusst werden können. Eine der von ihm referierten Erkenntnisse psychologischer Forschung empfiehlt, in kleinen Schritten vorzugehen. Nur so könne ein vorhandenes Selbstbild von Menschen geändert werden.

Ziel kann dann zunächst sein, auf die Anwendung bestehender Gesetze zu pochen. Auf einen Ansatzpunkt hierfür hat Thomas Schröder hingewiesen, der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes. Er wies darauf hin, dass wir zwar in Deutschland über ein sehr gutes Tierschutzgesetz verfügen, das das unnötige Tier-Quälen verbietet; die Anwendung dieses Gesetztes wird allerdings praktisch nicht überprüft. Hier hat, Schröder zufolge, der Gesetzgeber versagt, da er keine Standards für die praktische Umsetzung des Gesetzes festgelegt hat. Diese Standards sollten festlegen, wie ein Nutztier auf dem Wege zum Schlachthof artgerecht leben darf. Wie wichtig solche Standards sind, wird daran deutlich, dass z.B. Hühner derzeit noch so gemästet werden, dass sie aufgrund ihres Gewichts kaum noch laufen können, und dass Schweine in der Weise zusammengepfercht und gemästet werden, wie sie bei artgerechter Tierhaltung nie leben würden.(2)

Ein weiteres Ziel kann sein, dass die meisten Menschen etwas weniger Fleisch essen. Dieses Ziel ist, den Studien zufolge, die N. Cooney referiert, auch realistisch. Die bloße Verminderung des Fleischkonsums erscheint erreichbarer, als die Forderung, alle Menschen sollen überhaupt kein Fleisch mehr zu essen. Ökonomisch gesehen hat sich in der Branche der Massentierhaltung und -schlachtung die Menge des produzierten Fleisches zum Teil verdreifacht, aber der Preis ist sogar noch niedriger geworden, als er zuvor war. Dies ist eine Folge davon, dass diese Industrie hoch subventioniert ist. Die Heinrich-Böll-Stiftung führt zur Zeit bezüglich dieser Subventionen eine Untersuchung durch. Die Schwierigkeit, hier gesetzlich einzugreifen und Subventionen zu verringern, besteht darin, dass die indirekten Subventionen hier die Hauptrolle spielen. Sie aufzudecken, ist kein leichtes Unterfangen.

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Wenn diese Aufgabe aber gelöst ist, dann kann der Gesetzgeber durch ein Gesetz gezielt dafür sorgen, dass bestimmte Subventionen reduziert werden, womit sich der Preis für ein Stück Fleisch erhöhen wird. Als Folge davon werden Fleisch-Esser weniger Fleisch, das aus der industrialisierten Massen-Tierhaltung stammt, konsumieren, Auf diese Weise könnte erreicht werden, dass auch der allgemeine Konsum dieses Fleischs etwas zurückgeht.

Das wären – durch Einschaltung des Gesetzgebers – zwei Schritte auf dem langen Weg, der industrialisierten Massen-Tierhaltung und -tötung Einhalt zu gebieten.

Der (verdeckte) Widerspruch, dass eine zivilisierte (westliche) Gesellschaft ein in barbarischer Weise „hergestelltes“ Fleisch konsumiert, kann wohl auch langfristig nicht völlig gelöst werden. Die soziale Macht der Fleisch-Lobby, ihre Verflechtung mit der Politik und die „Normalität“ des Weg-Sehens seitens der Fleischesser sind ernst zu nehmende Gegner und Hindernisse. Aber schon die Aufdeckung dieses Widerspruchs, die Reflexion der möglichen psychischen Problemlage und die Verfolgung der genannten gesetzlichen Möglichkeiten wären wichtige Schritte, wenigstens zu versuchen, ein Stücke Natur, zu der wir auch selbst gehören, wieder zu gewinnen. Wenn wir hier gar nichts tun, geht es gänzlich verloren.

(1)Ich danke Tita Gaehme, Mehtap Evsan, Roland Schäfer, Tanja Hetzer und Barbara Strohschein für die sehr anregende Diskussion dieses Textes. Sven Lüder danke ich für seine technische und inhaltliche Unterstützung bei der Endfassung.

(2)Thomas Schröder (2014) in der Folge „Unser täglich Tier“ der ZDF­Dokumentationsreihe 37°.

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Passend hierzu empfehle ich Ihnen das Interview „Veganer Lebenswandel – Die Überzeugung hinter dem Trend“, das nach der Veröffentlichung dieses Aufsatzes mit dem SWR2 zustande gekommen ist.