Zur unbewussten Dimension der Jugendkultur und der neuen Medien
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Zur unbewussten Dimension der Jugendkultur und der neuen Medien

1. Warum und wozu ist es wichtig, das Seelisch-Unbewusste in der Kultur zu untersuchen?

Warum ist es überhaupt gut und wichtig, das Seelisch-Unbewusste in der Kultur zu erforschen? Nun, deren Erforschung, z.B. der hinsichtlich der „Jugendkultur“ heute, eröffnet uns Einsichten in Zusammenhänge, die wir sonst nicht gewinnen können. Es werden seelische Problemlagen erkennbar, die sonst unerkannt bleiben würden. Die Psychoanalyse gibt uns hier eine Orientierungshilfe, eine Anleitung zur Gelassenheit und den Mut, sich mit der „Schattenseite“ sowohl eines Menschen als auch eines kulturellen Phänomens näher zu befassen und nicht, wie viele andere es tun würden, darüber hinwegzusehen.

Warum weder Philosophie, noch Soziologie oder kognitive Psychologie uns diesen Einblick geben können, lässt sich am „Subjekt“ klar machen. Es bedeutet nämlich in den genannten Fächern etwas ganz anderes als in der Psychoanalyse. In der Soziologie z..B. Ist „Subjekt“ immer ein Träger von Kompetenzen – moralischer Urteilskompetenz, Handlungskompetenz, Sprachkompetenz etc. Ganz anders in der Psychoanalyse. Hier ist „Subjekt“ immer Subjektivität. Sie kann individuell oder kollektiv sein.

Was ist damit gemeint? Traditionell nennt man das die „innere Seelenwelt“ – eines Einzelnen oder eines Kollektivs. Ein „Kollektiv“ – das kann eine Generation sein, eine Gruppe, eine Gemeinschaft etc.

Auf ein solches Kollektiv und auf sein „inneres Seelenleben“ beziehe ich mich im Folgenden. Mein Grundgedanke lautet: Gesellschaft muss auf das „Ich“ bauen, von dem Freud schon sagte, es sei „nicht Herr im eigenen Haus“. Mehr noch: Das „Ich“ ist der seelische Ort, an dem alte Wunden der Kindheit wieder aufbrechen können; an dem unerfüllte Sehnsüchte fortbestehen und nach Erfüllung drängen können; an dem vorhandene Widersprüche immer wieder neu sich durchsetzen können – und Vieles andere mehr.

Der entscheidende Punkt ist: Dies alles geschieht nicht nur im einzelnen Menschen als Individuum, es geschieht allen Menschen in der eigenen Kultur. Wenn das „Ich“, unter dem Einfluss des psychisch Unbewussten, bei Einzelnen problematische, unangepasste Phänomene hervorbringt, dann können diese als „störend“ und als Hinweis auf ein seelisches Leid des Einzelnen therapeutisch diagnostiziert werden. Aber das „Ich“ kann, unter dem Einfluss des seelisch Unbewussten, auch Phänomene hervorbringen, die kollektiv bedeutsam sind – einfach deshalb, weil dieses seelisch Unbewusste, das sich so Geltung verschafft, sozial weit verbreitet sein kann. Was so hervorgebracht wird, ist dann Teil unserer Alltagskultur. Und dann macht es wenig Sinn, von „störend“ oder „abweichend“ zu sprechen. Aber sehr viel Sinn macht es, auch dann nach Hinweisen zu suchen auf vorhandenes seelisches Leid, auf Problemlagen, die dann kollektiver Art sind. Sie hinterlassen an den jeweiligen kulturellen Phänomenen immer auch Spuren ihrer eigenen Entstehungsgeschichte. Das „sehen“ zu können, hilft uns, uns selbst, aber auch die soziale Wirklichkeit besser zu verstehen.

Genau das möchte ich im Folgenden zeigen, und zwar an 2 Beispielen: an „Deutschland sucht den Super-Star“ (also einer Casting-Show“) und an der „Love-Parade“.

Ich möchte also an diesen Beispielen zeigen, wie wir darin eine Einsicht in die Gefühle, in die Phantasiewelt der Jugendlichen heute gewinnen können, insbesondere in ihre besonderen, aber unbewussten seelischen Problemlagen. Abfragen können wir diese ja nicht, sonst wären sie ja nicht „unbewusst“, d.h. der Reflexion entzogen.

Ich will einige Aspekte meines Ansatzes kurz benennen. Ich gehe davon aus, dass die in der Kindheit traumatisch erlebten Beziehungen unter bestimmten Bedingungen in der Gegenwart re-aktualisiert werden können – wie unter einem „Wiederholungszwang“.

Wie können wir aber wissen, wie eine entsprechende seelische Problemlage der Kindheit beschaffen ist? Und warum kann sie als „typisch“ für eine Generation gelten? Hierzu ziehe ich klinisch-therapeutische Berichte heran, die ich als ein Seismograph kultureller Erschütterungen unserer Gesellschaft interpretiere. Und ich vergleiche, was wir – wie unvollkommen auch immer – heute über seelische Problemlagen der jüngeren Generation wissen, mit dem, was wir entsprechend über frühere Generationen wissen – bis zu den 68ern. Hier besteht nach meiner Auffassung eine gewisse Tradition. Ohne Kenntnis dieser Tradition wird es sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich, die aktuellen seelischen Problemlagen unserer Zeit – sowie ihr jeweiliger kultureller Zusammenhang – genauer zu erfassen, auch in Bezug auf die Jugendlichen. Erst dann können wir nach „Lösungen“ der psychischen Probleme suchen – und sei es nur in der Weise, dass wir die seelischen Problemlagen besser handhaben lernen. Hier könnte man einwenden: „Aber das ist doch unwahrscheinlich – die 68er waren doch politisch motiviert, die ganze Bewegung war doch hochpolitisch. Und davon ist heute kaum noch etwas übrig geblieben. Die Jugendlichen sind heute weitgehend unpolitisch!“

Ja, aber vielleicht ist das nur die halbe Wahrheit. Wenn wir die Tiefensonde der Psychoanalyse anlegen, finden wir vielleicht doch etwas, das die Kulturevolution der 68er in der unbewussten Dimension „hinterlassen“ hat und das bis heute fortwirkt – gewissermaßen als „Schatten“ ihrer selbst. Genau das ist mein Auffassung. Ich werde später darauf zurückkommen.

Über diese verwickelten Zusammenhänge kann ich natürlich nur Tendenz-Aussagen machen.

Die folgenden Thesen sind ein Auszug aus meinem neuen Buch-Manuskript mit dem Titel: „Handlungssignaturen des Unbewussten. Vom Mobbing bis zum Klimawandel – eine psychoanalytische Kulturkritik“. Dieses Buch soll in der ersten Hälfte des nächsten Jahres erscheinen.

2. Hauptteil:

In systematischer Perspektive: In welchen Phänomenen spiegeln sich die unbewussten seelischen Problemlagen?

In historischer Perspektive: Welche Generation gibt was an die folgende weiter? Der Schatten der Kulturrevolution der 68’er.

Zur Casting-Show

Ein inzwischen sehr populär gewordenes neues Genre der Unterhaltungsindustrie sind die Castingshows im Fernsehehen – vor allem: „Deutschland sucht den Superstar“, „The Voice of Germany“, „der zukünftige Körper Deutschlands“. Laut einer Studie schauen 62% aller männlichen und 80% der weiblichen Jugendlichen regelmäßig Castingshows (FAZ vom 11. Mai 2013). Etwa eine halbe Million Menschen nahm inzwischen in Deutschland an den Auswahlprozessen von Casting-Shows teilt. „Deutschland sucht den Super-Star“ wurde 2003 und 2006 als „Beste Unterhaltungssendung“ mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet.

Morten Freidel hat in der FAZ vom 1. Juni 2013 die These vertreten, dass es für die aktive oder passive Teilnahme an einer Casting-Show nicht allein um den Traum vom schnellen Ruhm geht. Warum sich so viele Jugendliche beim Schauen von Casting-Shows wiedererkennen, liege an der Ähnlichkeit zu anderen Wettbewerbssituationen, vor allem bei der Arbeit, aber auch beim Posten eines möglichst vorteilhaften Portraits auf der Online-Single-Börse. Es geht dabei aber weniger um Konkurrenz (im traditionellen Sinn), sondern vor allem um Evaluierung. Freidel zufolge leben wir „längst weniger in einer Konkurrenz, als in einer Evaluierungsgesellschaft“. Diese Evaluierung ist einerseits diffus, weil es nicht mehr, wie noch in der traditionellen Konkurrenzgesellschaft, ein klar umrissenes Feindbild gibt; die Evaluierung ist andererseits aber auch radikaler als die traditionelle Konkurrenz, weil es nun tendenziell gegen alle in der anonymen „Cloud“ geht. Dies könne man als einen Zwang zum Vergleich beschreiben, aber auch als Sucht.

Die Punkte, die Freidel hier anspricht – der Traum vom schnellen Ruhm, die Wettbewerbssituation und die Sucht nach Evaluation – haben aber einen inneren Zusammenhang, den Freidel nicht aufschlüsselt. Das werde ich jetzt tun.

Die Teilnehmer an einer Show wie „Deutschland sucht den Superstar“ tun etwas Bestimmtes, um ihren Traum vom schnellen Ruhm zu verwirklichen – d.h. psychoanalytisch gesehen: um ihr Ich-Ideal, einmal ein Star zu sein, zu verwirklichen. Und die Zuschauer erkennen sich selbst darin wieder: Die Teilnehmer wählen nicht den „harten“ Weg des beruflichen Werdeganges, sondern einen, der zumeist illusionären ist: Entdeckt zu werden. Einmal entdeckt, wären sie auch schon ein Star im Show-Business. Die Teilnehmer glauben fest daran, obwohl die Biographien von Stars sie eines Besseren belehren könnte – eine Art magischen Denkens.

Wenn wir die Entwicklungslinie eines betreffenden Sängers in der Realität betrachten würden, würde diese Linie zu einem Endpunkt führen, an dem der Betreffende ein Star wäre. Genau dieser realistische Endpunkt ist es, an dem diese Casting-Show anknüpft und mit dem sie die Wunschvorstellung des Ich-Ideals der Jugendlichen unmittelbar erreichen kann, denn diese träumen ja davon, diesen Endpunkt über den Wettbewerb zu erreichen (unter Auslassung des Anfangs und der vielen Zwischenschritte, die in der Realität nötig wären.) Dieser Zusammenhang verleiht der gesamten Sendung eine Art Realitätscharakter.

Dass die Abwesenheit einer väterlichen Autorität wie selbstverständlich erscheint, ist doch bemerkenswert. Mit dem Fehlen einer väterlichen Autorität stellen wir ein erstes „Erbe“ der 68’er-Revolte fest. Einen wichtigen Bestandteil ihres „Schattens“. Eine Funktion, die eine solche Autorität zu erfüllen hätte, bestünde ja darin, den Heranwachsenden, die offensichtlich für ein Show-Talent nicht die dafür nötigen Begabungen haben, dies zu verdeutlichen. Und niemand kommt in dieser Sendung auf den Gedanken, den Jugendlichen den Unterschied zu erklären, der zwischen ihrer illusionären Wunsch-Vorstellung eines Superstars, und den tatsächlich bestehenden Arbeitsverpflichtungen und persönlichen Entbehrungen eines Mitglieds im Show-Business besteht.

Hier könnte man einwenden, dass diese Juroren in „Deutschland sucht den Superstar“ doch wie Väter sind, die über die Begabungen ihrer Kinder zu entscheiden haben, und dass sie dies tun, zeigt doch, wie wichtig sie diese Bewertung nehmen. Aber: Als „Stars“ stehen sie selbst über jeder Bewertung, können daher persönlich auch tun und lassen, was sie wollen. Daher befinden sie sich auch nicht in der Position eines Vaters, der das nicht kann. Warum er das nicht kann, hängt mit dem psychoanalytischen Begriff der Vater-Position zusammen, den ich gleich erklären werde. Und: Die Art und Weise, in der die Juroren die Kandidaten bewerten, dokumentiert keineswegs einen liebevollen Vater, der im Interesse des eigenen Kindes diesem nahelegt, lieber nicht die Laufbahn eines Gesangstars einzuschlagen. Stattdessen findet häufig ein gnadenloses Aburteilen statt.“ Du singst nicht, sondern quietscht wie ein Schwein“, „Du singst wie eine Motorsäge“ etc. Dies sind Angriffe auf den Selbstwert des jeweiligen Kandidaten. 2007 hat die Kommission für den Jugendmedien-Schutz ein Prüfverfahren zu dieser Sendung eingeleitet, und zwar wegen „möglicher sozialethischer Desorientierung“ der Zuschauer und Akteure. In einem Massenmedium werde „vorgeführt, wie Menschen verspottet, herabgesetzt, und lächerlich gemacht werden. Antisoziales Verhalten werde auf diese Weise als Normalität dargestellt. Dies könne Werten wie Respekt, Mitgefühl und Solidarität mit anderen entgegenwirken.“ Den Versuch,.diese Sendung des RTL ins Spätprogramm zu legen, hatte keinen Erfolg.

Was hat es nun mit diesem Phänomen des fehlenden Vaters auf sich? Ich sehe es als „Erbe“ der 68’er-Revolte, die, indem sie jede Tradition ablehnte, auch für dieses Phänomen verantwortlich ist. Ich sagte es eingangs: Ohne Kenntnis der jeweiligen Tradition wird es sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich, die aktuellen seelischen Problemlagen unserer Zeit – sowie ihren jeweiligen kulturellen Zusammenhang – genauer zu erfassen, auch in Bezug auf die Jugendlichen.

Ich nehme also jetzt eine historische Perspektive ein. Sozialer Wandel und psychischer Wandel stehen in einem Wechselverhältnis. Veränderungen kultureller Art wirken, über das Beziehungssystem der Familie, zurück auf die psychische Struktur der Kinder und verändern diese langfristig, d.h.über die Generationen hinweg; die Kinder haben ja wieder Kinder usw. Diese psychischen Veränderungen wiederum wirken zurück auf die kulturellen Phänomene einer Gesellschaft.

Dieser Prozess und seine Phänomene müssen also im größeren historischen Zusammenhang von wenigstens zwei bis drei Generationen analysiert werden.

Aus dieser historischen Sicht finden wir nach meiner Auffassung in der Generation der Jugendlichen heute beides: Sie stehen einerseits in der Traditionslinie der 68’er-Revolte. Mit anderen Worten: Die Generation der Jugendlichen heute hat ein Erbe angetreten, für das es kein Testament gibt. Das gilt sowohl für den Zusammenhang unbewältigter seelischer Problemlagen der Kindheit, als auch für den Kulturzusammenhang. Andererseits hat diese Generation aber auch etwas Neues hervorgebracht.

1. Sie alle kennen das Motto der Konsum-Industrie: „Kaufe immer das Neueste vom Neuen!“ Fernsehgeräte gelten als veraltet, wenn sie erst drei Jahre alt sind, etc. Interessant sind hier auch Vorurteile meiner Studierenden: Viele von ihnen glauben tatsächlich, dass die Neuerscheinungen zu einem Thema (automatisch) lesenswerter sind als vergleichbare Bücher, die 30 Jahre alt sind. Viele Jugendliche, obschon sie skeptisch, wenn nicht gar ablehnend gegenüber jeder Tradition sind, stehen mit eben dieser Ablehnung von Tradition in einer Tradition, nämlich der der 68’er-Revolte. Der französische Psychoanalytiker G. Mendel (1972) hat diese Ablehnung auf den Punkt gebracht: Die Anhänger der 68’er-Revolte praktizierten eine Ablehnung jeglicher Kulturtradition, sie weigerten sich, das Erbe der väterlichen Kulturleistung anzutreten, wie das Generationen vor ihnen gemach haben.

Mit dieser Ablehnung geht eine sogenannte Schwächung „väterlicher Autorität“ einher. Diese ist heute so verbreitet, dass man sagen kann, sie zieht sich wie ein roter Faden durch die Therapiegespräche von Psychotherapeuten ganz verschiedener Schulen. Die Frage ist natürlich: Was ist eigentlich mit dem „schwachen Vater“ gemeint? Es handelt sich ja um eine Metapher, und es kommt darauf an, ihre Bedeutung etwas präziser zu erfassen. Denn wenn der Vater „schwach“ ist, können wir das so verstehen, dass eine Person, die nicht der leibliche Vater sein muss, die Position des Vaters in der Familie eingenommen hat, an die bestimmte Funktionen geknüpft sind. Wie gut diese erfüllt werden – von dem, der sich in der Position des Vaters befindet –, wird eben in einem Urteil wie dem des „schwachen Vaters“ gefällt. Gut sind diese Funktionen nie in der Menschheitsgeschichte erfüllt worden, aber wir befinden uns offenbar in einer Phase, in der die Schwächung der väterlichen Autorität weit verbreitet ist.

Eine der Funktionen ist die Durchsetzung des Inzest-Verbots. Dies setzt der Vater im Allgemeinen ja weiter durch. Das bewirkt, dass ein Sohn seinen eigenen Platz in der Familie einnimmt und sich damit in eine Reihe der Vorfahren stellt. So kann er sich auch selbst „verorten“. Tut er dies nicht, drohen ihm Verwirrtheit, Desorientierung und Verrücktheit. Er kann dann die Frage „Wer bin ich?“ nicht mehr durch die Angabe seines Ortes in der Familie beantworten. (Vgl. P. Legendre 1998)

Aber die anderen Funktionen der väterlichen Position sind es, die kriseln, und zwar seit der Studenten-Revolte, und heute noch stärker als damals: Dazu gehört die Funktion, Vorbild für die Kinder zu sein, aber auch, ihnen dabei behilflich zu sein, sich abzugrenzen und zu verzichten, was ihnen „nicht bekommt“ Solche alltäglichen Verbote kann ein Vater nur durchsetzen, wenn er gleichsam stellvertretend für eine „höhere“ Instanz tätig wird. Und eine solche „höhere“ Instanz ist heute weitgehend verschwunden. Wenn wir – wie heute viele Väter – die eigene Familie wie ein „Team“ auffassen – Vater ist der beste Freund des Sohnes, wie Mutter die beste Freundin der Tochter ist –, dann gibt es weder Rivalität, noch andere Formen einer Auseinandersetzung mit ihnen, durch die die Kinder an den Eltern wachsen können. Das ist der zweite Aspekt des psychoanalytischen Modells der Identitätsbildung.. Die Vermeidung einer offenen, direkten Konfrontation im Streitfall hat wieder mit dem „schwachen Vater“ zu tun.

Als ein Beispiel hierfür, habe ich selbst Formen von „Mobbing“ untersucht. Wir wissen, u.a. gestützt durch den sogenannten „Mobbing-Report“ (2002), der ersten repräsentativen Studie zu dem Phänomen in Deutschland, dass die direkten Vorgesetzten wie auch der Betriebsrat in einer Firma mehrheitlich nicht in das Mobbing-Geschehen eingegriffen haben, obwohl dies doch ihre Aufgabe wäre. Die Metapher vom „schwachen Vater“ bietet hier eine Erklärungsmöglichkeit: der direkte Vorgesetzte hat Angst Aggressionen auf sich zu ziehen, wenn er in ein Mobbing-Geschehen eingreifen würde. Eine zweite Möglichkeit ist, dass er die Maxime verinnerlicht hat: „Identifiziere dich nie mit dem Schwachen!“

Warum dieses kulturelle Phänomen ein Erbe der 68’er-Revolte ist, wird deutlich an manchen paradiesischen Vorstellungen, die prominente Vertreter dieser Revolte entworfen haben, so z.B. H. Marcuse (1965) in seinem Buch „Triebstruktur und Gesellschaft“. Wer die menschliche Aggressionsbereitschaft partout nicht anerkennen will, muss paradoxerweise damit rechnen, dass ihm die verdrängten Aggressionen in entstellter, veränderter Form wieder einholen, und zwar umso stärker, je mehr er sie verdrängt. Eben das ist auch im Fall von Mobbing gegeben.

2. Das psychoanalytische Modell der Identitätsbildung gilt heute für Viele als hoffnungslos veraltet. Wenn Sie das Wort „Ödipus-Komplex“ fallen lassen, schauen Beteiligte gern an die Decke. Wir haben heute andere Identitätsmodelle, die vielen attraktiver erscheinen, als das psychoanalytische. „Ich bin mein eigener Chef“ drückt eine Art der Autonomie aus, die als Vorstellung sehr attraktiv geworden ist. Dieses Identitätsmodell können wir ebenfalls als eine Element des Erbes der 68’er verstehen, denn dieser Revolte ging es auch um „Selbstverwirklichung“. Dieser Typus ist eines der kulturellen Hervorbringungen der 68’er. Der Selbstverwirklicher besuchte einen Töpferkurs, verbesserte in der Tanzschule seinen Tango-Tanz, ließ sich in Fang-Chui-Architektur unterweisen, ging ein Stück auf dem Jacobs-Weg, um dort die besondere Atmosphäre zu erleben, fuhr nach dem Fall der Mauer zur Elbe, weil dieser Fluss abends, kurz vor Sonnenuntergang, einen besonderen bläulichen Schimmer haben soll, usw.. Der Selbstoptimierer, der heute unter Jugendlichen weit verbreitet ist, ist dagegen ein anderer Typus. Er stellt sich unter Leistungskriterien und strebt seine eigene Vervollkommnung an. Dieser Typus geht ins Fitness-Studio, besucht Rhetorik-Kurse zum Thema „Wie kommuniziere ich besser?“, usw.

Mit dem Typus des Selbstverwirklichers ist eine bestimmte seelische Problematik verbunden. Dieselbe Problemlage zeigt sich auch im Zusammenhang der Paar-Beziehung.

Den klinisch-therapeutischen Berichten über Patienten die zur 68’er-Revolte können wir eine bestimmte Art der Paar-Beziehung entnehmen, die für viele Teilnehmer der 68’er-Revolte vermutlich charakteristisch gewesen ist. Ich meine das Konzept der „Beziehungsschaukel“ (Bassyouni 1990) – besser wäre eigentlich: „Beziehungswippe“ –, das auch heute noch von vielen Analytikern angewandt wird. Man meint damit eine Beziehungsstruktur, in der die Partner einer engeren sexuellen Beziehung in demselben Beziehungsmuster zwei entgegengesetzte Positionen einnehmen. Sehr häufig befindet sich „ER“ in der Position der Überlegenheit, während „SIE“ die gegensätzliche Position der Unterlegenheit einnimmt. Wenn wir die unbewusste Seite dieser Beziehung analysieren, dann könnten wir sagen: „Er sagt ihr: ‚Ich bin so großartig. Ich verstehe, dass du mich bewunderst, weil ich so unabhängig bin.‘ Sie sagt ihm: ‚Ach, du bist so wunderbar und so großartig.’“ Wenn nun nach einiger Zeit die Frauen, die hierunter ja vor allem gelitten haben, versuchen eine solche unbefriedigende Beziehung zu verlassen, dann kippt diese Schaukel. Nun geht ihre Position in die Höhe einer Überlegenen, die sich unabhängig machen will. Er befindet sich wiederum in der gegensätzlichen Position.

Die Frage ist: Was hat sich in der Kindheit im Hinblick auf die seelische Entwicklung eines Kindes ereignet, das erklären könnte, warum so viele einer Generation – und auch der nachfolgenden – in ihren Paar-Beziehungen dieses Beziehungsmuster immer wieder verwirklichen? Für die seelische Problemlage der Kindheit, die hier von einer Generation an die nächste weitergegeben werden kann, gibt es das Stichwort der Individuierung. Damit ist der Versuch des Kindes gemeint, sich ungefähr mit dem Beginn des zweiten Lebensjahres von einer als übermächtig erlebten Mutter ein Stück weit innerlich frei zu machen, indem erste eigene Schritte einer Art Selbstständigkeit unternommen werden. Genau in diese ersten Bemühungen des kleinen Kindes haben diese Mütter der Patienten relativ empathielos eingegriffen und sie verhindert.

Auf eine scheinbar gegensätzliche Beziehungsproblematik hat der Kinder-Therapeut W. Bergmann (2006) hingewiesen: Ihm zufolge halten viele Mütter – insbesondere die der sozialen Mittelschicht – ihr Kind so fest in einer Art emotionaler Umklammerung und kontrollierender Dauerverwöhnung, die berühmten „Helikopter-Eltern“. Aber auch wird das Kind Schwierigkeiten haben, „eigene Schritte“ zu gehen, etwas Eigenes zu tun. Beides sind die Ursachen dafür, dass so viele an dieser nicht bewältigten seelischen Problemlage der Kindheit festhalten.

Vereinfacht gesagt, ist es seine Angst des Kindes vor Intimität, die hier immer wieder, später auch im erwachsenen Leben, durchbrechen kann, und die daher abgewehrt werden muss. Mit Intimität meine ich, neben dem vollkommenen Ausschluss von Dritten (Zuschauern), vor allem eine bestehende Beziehungsgeschichte zwischen zwei Menschen, d.h. die angstfreie Sichtbar-Werdung auch eigener Schwächen, gemeinsam erlebte Erfahrung und eine Art Gemeinsamkeit, die aus einer Kenntnis von Dingen und Erfahrungen von Nähe herrührt, die nur in ihr selbst verfügbar ist.

Eben diese Angst vor Intimität bei gleichzeitigem Anspruch auf Autonomie liegt unbewusst auch dem Lebensmodell der Selbstverwirklichung zugrunde. Es dokumentiert einen Widerspruch in sich. Man will ein Selbst verwirklichen, ohne den Weg zu gehen, auf dem dieses Selbst überhaupt erst entwickelt werden kann, nämlich durch Erfahrung mit Anderen (als Paar). Da die Sehnsucht danach bleibt, wird dieser Bearbeitungsversuch immer wieder unternommen.

Auch dem Kultur-Phänomen: „Sex als ein Konsumartikel“ liegt diese, aus der Kindheit stammende seelische Problematik zugrunde: die Angst vor der Nähe. Schon bei den 68’ern hat sich die kulturelle Bedeutung der Sexualität entsprechend gewandelt. Und weil diese Problemlage auch heute weit verbreitet ist, halte ich es für plausibel, dass sie eine Rolle dabei spielt, dass die Sex-Industrie zu einem Milliarden-Unternehmen werden konnte. Bei diesem Bedeutungswandel hat sich die Sexualität aufgespalten in einen „Sex“ einerseits und die weiter bestehende Wunsch-Struktur nach einer sexuellen Vereinigung und „Verschmelzung“ andererseits.

An Porno-Filmen lässt sich diese Angst vor Intimität leicht festmachen, weil dieser Konsumartikel genau so auf die Konsumenten zugeschnitten ist, dass sie genau diese Angst beim Konsum nicht haben müssen. Ein Porno-Film ist eine vollständige Negation von Intimität. Es ist sicher kein Zufall, dass der Aufstieg von Beate Uhse, der ersten großen Lieferantin des Konsumartikels Sex zur gleichen Zeit in Deutschland stattfand wie die 68’er-Revolte.

Zurück zur Analyse von „Deutschland sucht den Super-Star“ – ich setze also die systematische Perspektive fort. Wir verstehen jetzt in historischer Perspektive etwas besser, was es mit dem Fehlen einer väterlichen Autorität in dieser Sendung auf sich hat. Diese Sendung steht nach meiner Interpretation in der Tradition von Ablehnung der Tradition überhaupt. Der „schwach“ gewordene Vater ist in dieser Sendung offenbar längst aus dem Spiel. Es sind ja auch die Eltern und Verwandten, die ihre Kinder dazu ermuntern, sich an dieser Show zu beteiligen. Wenn diese sich beworben haben, sind die Eltern in der entsprechenden Sendung als Personen zu sehen, die ihre Kinder betreuen und auf dem Parcours der zu absolvierenden Tests begleiten.

Das Ich-Ideal, das ein Kandidat mit der Teilnahme an dieser Show verwirklichen will, hat ja eine Vorgeschichte. Ich erwähnte schon, dass es für Jugendliche heute kaum noch Vorbilder gibt, und zwar in den sozialen Situationen, in denen sie einstmals gefunden wurden; in der Familie, in der Schule, am Arbeitsplatz. Viele 68er konnten ihre Vorbilder ja immerhin noch in Revolutionären außerhalb des Landes finden – in Che Guevara, Mao Tse-tung u.a.. Wenn aber heute auch diese Vorbilder fehlen, liegt es nahe, sie woanders zu suchen – eben auch in der Unterhaltungsindustrie, z.B. im Schlager- und Show-Star Dieter Bohlen. Als Ich-Ideal ist er einerseits ein realitätsfernes Vorbild. Er kann aber wenigstens in der Phantasie Jugendlicher helfen, die Mängel auszugleichen, von denen uns Kindertherapeuten (wie W. Bergmann) berichten – Mängel, die für Kinder und Jugendliche heute mit dem negativen Selbstwertgefühl zu tun haben: das Gefühl, „nicht wichtig zu sein“, „am Rande“ zu stehen, „nicht beachtet“ zu werden usw. Als Vorbild verkörpert Bohlen genau das Gegenteil: im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit Vieler zu stehen, hoch angesehen zu sein usw.

Wir stoßen hier, wenn wir die Analyse vertiefen, auf eine besondere Art der Macht. Denn die Frage lautet hier doch:

Warum lassen so viele Kandidaten dieser Sendung die Demütigungen mit sich geschehen? Sie tun dies auch deshalb, weil sie intuitiv richtig ahnen, dass sie als Kandidaten auf der Seite einer großen Macht stehen – eben dem Fernsehen, seiner Unterhaltungsfunktion und seinen großen Stars. Das Fernsehen dokumentiert damit für die Teilnehmer den Charakter von etwas Allumfassendem, Totalitärem. Psychisch wird diese Macht durch eine Wiederholungssituation der Kindheit wieder hergestellt: Die Stars bzw. Juroren, die Fernsehshow werden (unbewusst) in die Nähe dessen gestellt, was der Narzissmus-Forscher H. Kohut (1973) die idealisierte Eltern-Imago nennt, ein bewundertes, allmächtiges Selbst-Objekt. Es dient dem Kind dazu, die anfängliche Vollkommenheit zu ersetzen, die es wegen der unvermeidlichen Frustrationen nicht mehr aufrecht erhalten kann. Etwa Ende des ersten und Anfang des zweiten Lebensjahres. So wie einst die mütterliche Macht bewundert wurde, so jetzt die Macht, die in „Deutschland sucht den Superstar“ verkörpert wird. Wenn diese Interpretation zutrifft, dann muss für einen Kandidaten die Abfuhr durch die Juroren niederschmetternd gewesen sein. Denn dann konnten sie sich ja nicht mehr als Teil dieses bewunderten Selbst-Objekts und seiner Funktionen erleben – vor allem dem Erhalt des eigenen Selbstwertes zu dienen.

Die Frage stellt sich: Was hat es auf sich mit der Sucht nach Evaluation, von der Freidel in dem FAZ-Artikel spricht? Ist „Evaluation“ oder „Bewertung“ hier überhaupt der richtige Begriff? Nach meiner Auffassung funktionieren diese Casting-Shows wie die Börse – nur dass hier nicht die Werte von Aktien ermittelt werden, sondern die Werte von jungen Menschen – genauer: deren Marktwert für andere junge Menschen und für die Unterhaltungsindustrie. Denn bewertet werden zwar Stimme, das Aussehen und der Körper (nach einzelnen Körperteilen gesondert), in „Deutschland suchten den Superstar“ eben das, was im Showbusiness als „Leistung“ eines „Stars“ zählt.

Aber nun war es für Jugendliche schon immer wichtig zu wissen, was die „peers“, die Gleichaltrigen, die zur selben Clique oder sonstigen Gruppe gehören, über sie denken, wie “populär“ oder „geachtet“ man selbst war.

Aber die Teilnehmer an einer Castingshow gehen ja einen Schritt weiter: Sie (die Teilnehmer) sind bereit, sich selbst zu vermarkten, und zwar nach den Bewertungskriterien anderer und denen der Unterhaltungsindustrie. Beides müssen sie verinnerlicht haben – den Marktmechanismus und diese Bewertungskriterien. Und letztere sind fester Bestandteil ihres Ich-Ideals geworden.

Dieser „Zwang“ zum Vergleich ist ja selbst auch ein Hilfsmittel, sich in einer sozialen Welt zu orientieren, in der es keine Vorbilder mehr gibt, an denen eine realistische Planung vom beruflichen Aufstieg ablesbar ist. Anstelle dessen müssen die Jugendlichen sich untereinander vergleichen, und zwar unter den Kriterien, die ihnen von der Unterhaltungsindustrie als Attribute eines Stars oder Models aufgezeigt werden. Damit stellt sich aber eben die Machtfrage hinsichtlich der Unterhaltungsindustrie. Dass diese Sendung zweimal den „Deutschen Fernsehpreis“ gewonnen hat, verstehe ich als ein, wenngleich wohl ungewolltes Lob, dass sie zur Etablierung dieser Macht beiträgt.

Die entscheidende Frage lautet: Was macht eine solche Casting-Show mit den Jugendlichen? Hier führe ich einen neuen Aspekt ein. Ich nehme eine solche Show als ein Dokument dafür, dass zwischen der Generation der Älteren und den Jüngeren, auch nach der 68er Revolte, weiterhin eine Art Problembeziehung besteht, und zwar insofern die Älteren die Jüngeren beneiden (um deren Kreativität, ihr Engagement und ihren Idealismus). Wegen dieses Neides blockiert die Generation der Älteren die Entwicklung der jüngeren, insofern diese daran gehindert wird, mehr Verantwortung zu übernehmen, sowohl im Politischen als auch im Ökonomischen. Denn tatsächlich braucht jede Gesellschaft vor allem die Fähigkeiten der Jüngeren, die vielen vorhandenen sozialen Probleme mit Vehemenz anzugehen.

Diesen Neid der Älteren auf die Jüngeren gab es wohl schon immer. Aber die kulturellen Formen, in der er wirksam wird, ändern sich. Die Sendung „Deutschland sucht den Superstar!“ ist nach meiner Interpretation ein Beispiel dafür, wie eine ganze Generation, oder zumindest ihre Mehrheit, abgelenkt werden soll, indem man sie in eine illusionäre Realität versetzt. Das vorhandene Bedürfnis, ein grandioses Selbst im Star-Kult zu verwirklichen, wird befriedigt, aber unter der Voraussetzung, dass die tatsächliche soziale Wirklichkeit davon nicht berührt ist.

Ganz ähnlich wie im Falle der Porno-Filme wird auch durch diese Casting-Shows eine bei vielen Jugendlichen vorhandene seelische Problemlage „ausgeschlachtet“ – hier als Ablenkungsmanöver, dass die Jugendlichen daran hindert, Verantwortung zu übernehmen.

Zur Love-Parade

Sie wurde ja nach dem Unglück in Duisburg 2010 nicht wieder unternommen, ist aber ein weiteres Phänomen der Jugendkultur, das für uns sehr interessant ist und hatte, nach der Eröffnung im Jahre 1989, schon 1999 1,5 Millionen Besucher.

Fast fortlaufend habe ich nun eine Verbindung beider Perspektiven vorgenommen, der systematischen wie der historischen.

Die vollzogene Trennung von innen (die dazu gehören) und außen (die nicht dazu gehören) macht sich schon an der Bezeichnung fest: Von „Love“ war zwar die Rede, aber die Erwachsenen, die hier nach „Sex“ und nach karnevalesken Vergnügungen Ausschau hielten, waren enttäuscht. Denn außen klang alles nur monoton, und leicht bekleidete Mädchen waren eher selten.

Nur wer drin war, verstand das Motto: „Rein in den Rausch!“ Die Grenzen zwischen den Geschlechtern wurden eingerissen. Die Tänzer suchten – und fanden – ekstatische Momente in mehrstündigen Körperbewegungen bei völliger Isolation. Keiner wollte hier Kontakte knüpfen oder gar die Technik beherrschen – man wollte sich ihr ganz hingeben. Gleichzeitig verschmelzen die Tänzer mit allen anderen, jeder spürt sich als Teil der Gemeinschaft, der „Szene“.

Da dieses Unterfangen ganz irreal ist, lautet die Botschaft: „Inszeniere Dich selbst! Lebe vom Schein! Es gibt sonst nichts.“ Mit den Stars und „Helden“ früherer Zeiten, die stets mit ihren Taten einen Realitätsbezug hatten, hat diese Botschaft wenig gemeinsam.

Warum erscheint uns die Kluft – am Beispiel von Drinnen und Draußen – zwischen der jüngeren und der älteren Generation heute als besonders groß? Sie scheint zwischen ihnen auch deshalb so groß, weil es der älteren Generation nicht leicht fällt, an der jüngeren das zu erkennen, was diese von ihr übernommen hat, wenn es gerade das ist, was man selbst an sich nicht gerne sieht.

Was Trendforscher heute für das Verhalten Jugendlicher als charakteristisch ansehen – also etwa die verbreitete Desorientierung und eine „De-Normierung“ – lässt sich besser verstehen, wenn man anstelle der isolierten Betrachtung einer Generation eine übergreifende (und psychoanalytische) Perspektive einnimmt und nach den Problemlagen und Beziehungsmustern fragt, die unbewusst von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden.

Die „De-Normierung“ des Verhaltens der Jugendlichen (d.h. der Kinder der 68er) scheint die Fortsetzung und Verschärfung einer (unbewussten) Problematik vieler Eltern zu sein: Mutter ist die beste Freundin ihrer Tochter; Probleme werden nicht letztlich entschieden, sondern fortgesetzt beredet; die Kinder erhalten kaum Resonanz von den Eltern. Insofern hatte die „Love-Parade“, in der die Jugendlichen eine orgiastische Entgrenzung in einem rauschhaften Zustand suchten (und fanden), tatsächlich mit den Eltern mehr zu tun, als diese glauben. Was Analytiker (an Patienten der Generation der 20- bis 30-Jährigen) immer wieder feststellten, ist ein Rückzug aus sozialen Bindungen, ein Verwischen der Grenzen von Realität und Phantasie (Computerspiele und fiktive soziale Kontakte im Internet kommen dem entgegen) sowie eine grundlegende emotionale Unsicherheit und massive Ängste (vor allem die Angst vor dem Verlassen-Werden). Diese Unsicherheit hängt damit zu zusammen, dass in der Kindheit oft ihre emotionalen Bedürfnisse von den Eltern vernachlässigt wurden, sodass sie als Heranwachsende leicht das Gefühl haben, unwichtig zu sein.

Der von den Eltern vorgelebte Konsumgenuss, der als Ersatzbefriedigung dient, wird von den Ravern gleichsam radikalisiert und von einem Objekt unabhängig gemacht, insofern durchs stundenlange Tanzen der Körper selbst zur Produktion der geeigneten chemischen Stoffe angeregt wird – ein Effekt, den auch Langläufer kennen. Die zusätzliche Einnahme moderner Drogen verstärkt diesen Effekt noch. Dabei steht die Konzentration der jugendlichen Tänzer auf sich selbst im Zeichen des Mangels an emotionaler Resonanz, den sie in der Kindheit in der Beziehung zu den Eltern erfahren haben – umgesetzt und verstärkt als der monotone Rhythmus einer Musik, die maschinenartig eine körperliche Resonanz erzeugt.

Bei diesem Fest ging es vor allem darum, den Frust des Alltags zu vergessen und das Gefühl abzuwehren, unwichtig zu sein. Insofern konfrontierte dieses Fest die ältere Generation (die dem lieber ausweicht) mit dem Defizit an emotionaler Zuwendung, das ihre Beziehung zu den Kindern, die es nun fortsetzen müssen, einmal wesentlich geprägt hat.

Ein weiteres Element, das der Love-Parade als Massenveranstaltung das gesellschaftlich Bedrohliche nahm und den Außenstehenden die Gewissheit gab, dass hier keineswegs eine Rebellion stattfand, scheint ebenfalls von der älteren Generation übernommen worden zu sein. Das ist der soziale Konformismus der 68er. Diese haben in den schweren Jahren nach dem Krieg von den Müttern, die nicht selten die Väter ersetzen mussten, durchweg denselben Appell erhalten: „Reiß Dich zusammen, hilf mir, hier durchzukommen! Du siehst, wie schwer wir es haben!“ Als ein unbewusster Auftrag verinnerlicht, die Mutter zu entlasten, blieb diese unbewusste Handlungsdirektive oft auch in späteren Jahren wirksam – als innerer Zwang, sich sozial anzupassen und gut zu funktionieren (was auch besser verstehen hilft, warum die 68er bei ihrem Marsch durch die Institutionen diese nicht von Grund auf verändert haben). An die jüngere Generation ist diese Direktive in der Regel weitergegeben worden. Und so wird sich der (deutsche) Raver, der von aufmerksamen Polizisten beim Urinieren in den Grünanlagen erwischt wird, für sein Vergehen denn auch artig entschuldigen.

Die 20- bis 30-Jährigen (die 3. Generation, wenn wir von der Kriegsgeneration als der ersten ausgehen) fühlen sich (zu Recht) auch deshalb oft von den Älteren alleingelassen, weil Vater-Sein für ihre Väter oft etwas Unklares war. Diese konnten sich mit ihren Vätern nicht identifizieren, aus verschiedenen Gründen. Ich habe diesen Aspekt oben schon aus internationaler Sicht erläutert und vertiefe ihn jetzt für Deutschland. Z.T. konnten sie sich nicht mit den Vätern identifizieren wegen der deutschen Problematik (der geschlagen aus dem Krieg Heimkehrenden und ihrer Schuldverstrickung). Es spricht viel dafür, dass diese 2. Generation (also die der 68’er Bewegung) die Auseinandersetzung mit dem Vater nicht gut bewältigen konnte, vor allem nicht mit dessen schwacher Seite, weil sie nicht fragen durften oder gemerkt haben, dass entsprechende Fragen die Eltern belasteten. Auch auf die öffentlich vorgebrachten Fragen nach der schuldhaften Verstrickung erhielten sie ja keine Antwort. Was blieb, war die Hassbindung, aber auch eine nicht endende Suche nach Antworten und nach einer Versöhnung.

Da diese 2. Generation unbewusst weiterhin auf der Suche nach dem Vater war (und wohl auch noch ist), bemerkt sie nicht, dass ihre Kinder auf der Suche nach ihnen sind – eine zeitlich versetzte parallele Suchbewegung zweier Generationen. Beide bemerken nicht, dass sie dasselbe suchen, denselben (oder doch einen ähnlichen) unerledigten Konflikt mit sich tragen.

Die beiden Drogen LSD und Ecstasy machten aber einen Unterschied zwischen dieser Jugendkultur und der früheren der 68er und der Hippie-Bewegung deutlich: LSD war eine Protestdroge – Protest gegen die Ordnung der bürgerlichen Welt. Mit dieser Droge sollte ein „höheres Bewusstsein“ erreicht werden. Dagegen soll mit Ecstasy die Anspannung aller Sinne nach innen erleichtert werden, der Trance-Zustand bei gleichzeitiger hoher Konzentration. Ein Protest gegen wen oder was auch immer ist hier nicht vorgesehen.

Ein weiterer Unterschied zu den 68ern: Hatten viele von denen noch Angst vor einer engen Verbindung, die sie als Verschmelzung befürchteten – daher die „Beziehungsschaukel“ – bleibt den Jugendlichen als Quelle von Großartigkeitsgefühlen heute vor allem das ekstatische Erleben bzw. die psychische Regression auf die frühe Kindheit. Die Techno-Musik ist dabei behilflich. Als Tänzer ist mit Hilfe der Techno-Musik dieser frühere Glückszustand wenigstens annähernd erreichbar. Die gleichzeitige Ausrichtung auf die Gemeinschaft – der anderen der „Szene“ – verankert dieses Erlebnis in einen sozialen Kontext – das Ganze, das ein Gemeinschaftserlebnis ist.

Zum Internet

Manches von dem, was ich hier erläutert habe, können wir auch bei den Neuen Medien finden, in deren Repräsentationsformen und Motiven – also dem Internet, Twitter, Facebook etc. Stichwortartig können folgende Beziehungsmuster eine Rolle spielen:

Einerseits die Sehnsucht, in einer Gemeinschaft aufzugehen, anderseits aber auch die Vermeidung – oder doch Kontrolle – von Nähe.

Die Idealisierung der Neuen Medien: Brauchen Nutzer deren Macht, um durch Teilhabe daran die eigene Ohnmacht abzuwehren?

Inwiefern begünstigt hier die moderne Technik magisches Denken?

Die Eigendarstellung. Wird sie als eine Art Exhibitionismus erlebt, insofern man zeigt, wie großartig man ist?

Ist die Unterscheidung von „Drin-Sein“ (dazu gehören) und „Draußen-Sein“ (nicht dazu gehören) wichtig?

4. Welche Schlüsse ziehen wir aus alldem?

“Die unbewusste Dimension der Jugendkultur heute und der neuen #Medien.“

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Was aus alldem folgt, kann ich hier natürlich nur in allgemeinen Tendenzen angeben: Viele Jugendliche finden sich heute offensichtlich gefangen in einem psychischen Widerspruch, von dem sie nicht wissen, wie sie ihn lösen sollen. Einerseits sind sie auf der Suche nach Halt, Anerkennung und Orientierung; andererseits vermeiden sie Nähe, Entscheidungen, ein Ich-Werden und ein wirkliches Erwachsen-Sein.

Hieraus wären folgende Projekte oder Aktionen abzuleiten:

Zunächst einmal müssten Eltern und Lehrer heute über die Zusammenhänge der psychischen Problemlagen ihrer Kinder und Schüler informiert werden. Schließlich sind über diese Themen mit der Bildungspolitik Diskussionen zu führen.

Literaturangaben:

Bassyouni, C., Macht oder Mündigkeit. Über den Zwang zum Gehorsam und die Sehnsucht nach Autonomie. Frankfurt/M. 1990.

Bergmann, W., Das Drama des modernen Kindes. Hyperaktivität, Magersucht, Selbstverletzung, Weinheim/Basel 2006.

Flader, D., Handlungssignaturen des Unbewussten. Vom Mobbing bis zum Klimawandel. Eine psychoanalytische Kulturkritik (in Ersch.).

Freidel, Morton, Vergleiche dich! Erkenne, dass du nichts bist, in: FAZ, 1.6.2013.

Kohut, Heinz, Narzißmus, Frankfurt a.M. 1973.

Legendre, P., Das Verbrechen des Gefreiten Lortie. Freiburg/Breisgau 1998.

Marcuse, H., Triebstruktur und Gesellschaft. Ein philosophischer Beitrag zu Sigmund Freud, Frankfurt a.M. 1965.

Mendel, G., Die Generationskrise. Eine sozio-psychoanalytische Studie, Frankfurt a.M. 1972.

Meschkutat, B. et al., Der Mobbing-Report – Eine Repräsentativstudie für die Bundesrepublik Deutschland. Bremerhaven 2002.